Verliebt oder Liebe – Warum Beziehung jeden Tag eine Entscheidung ist

Patrick Oser

Patrick Oser

Wissenschaftler und Vater

Wir treffen pro Tag ungefähr 20.000 Entscheidungen, aber manche sind deutlich wichtiger als andere. Zum Beispiel die Entscheidungen, die man gerade am Anfang in Bezug auf Beziehung und Liebe trifft. Denn gute Beziehungen sind kein Zufall, sondern eine Reihe von richtigen Entscheidungen. Ich erzähle euch hier von ein paar Entscheidungen, die ich getroffen habe. 

Kennt ihr das? Ich lernte jemanden in der Arbeit kennen. In der ersten Phase redeten wir einfach über alles Mögliche und ich merkte, dass ich diesen Menschen gerne mochte. Am Anfang war ich mir nicht ganz sicher, ob es einfach nur eine Freundschaft ist oder eben mehr. Aber das war mir auch noch nicht so wichtig. Ich genoss die Zeit mit ihr und hatte eine Menge Spaß – es war aufregend, neu und interessant. 

Irgendwann stellte ich fest, dass ich die Person vermisste, wenn sie nicht da war – ihre Stimme, ihren Geruch und ihre Gespräche. Ab da ahnte ich, dass ich verliebt war. Ab jetzt war ich wie in einer Schwebe – ich selbst wusste noch nicht genau, was das genau ist und auch nicht genau, was passieren soll – ich genoss einfach die Zeit und die Verliebtheit, ohne dass sie benannt wurde. 

Rosa Brille

Mit diesem Gefühl vergingen einige Wochen. Ich freute mich einfach, wenn ich sie sehen konnte, mit ihr sprechen konnte und sie da war. Aber ich wusste auch, dass ich irgendwann mit ihr sprechen musste – wisst ihr? Dieses Gespräch, was alles definiert. Was danach sagt, ob ihr zusammen seid oder eben nicht. Was definiert, ob nur ich diese Gefühle hatte oder auch mein Gegenüber. Das Gespräch, bei dem ich aussprechen muss, was ich fühle, was ich denke und was ich eigentlich will. Ich wusste schon, dass auch sie mich mochte – aber wie sehr wusste ich natürlich nicht. Am Schluss waren alle Vorbereitungen, Gedanken umsonst. Da wir das gleiche arbeiteten, gingen wir gemeinsam auf eine Firmenfeier, die sehr entspannt und locker war. Wie immer verstanden wir uns super. Wir lachten, redeten und ich beobachtete, wie sie sich mit den anderen Menschen unterhielt. Ich genoss den Moment und war einfach glücklich. Irgendwann gingen wir zusammen etwas zu trinken holen und es kam, wie es irgendwann kommen musste – wir küssten uns. Den Rest des Abends verbrachten wir zu zweit und redeten, küssten uns und kuschelten. Es war ein schöner und langer Abend. Anschließend gingen wir zu ihr. Kurzum – wir beide verliebten uns. 

Verliebt oder Liebe?

Das Verliebtsein war unendlich schön. Ich hatte eine Person vor mir, die absolut perfekt war. Wir machten ab da alles zusammen. Jede Minute und jeden Moment verbrachten wir zusammen. Die Welt gehörte uns und wir waren zusammen. Es waren so viele schöne Monate, die jetzt kamen. Wir erlebten unglaublich viel und lernten uns kennen. Nach einigen Monaten stellte ich fest, dass sich etwas verändert hatte und mir etwas fehlte. Ich konnte es noch nicht beim Namen nennen, aber ich wusste, dass sich etwas verändert hatte. Was ist passiert? Liebte ich sie überhaupt noch? Ich beobachtete damals, wie sie in der Küche stand und etwas kochte. Ich hörte in mich hinein und konnte ganz klar benennen, dass ich noch immer sehr verliebt war. Dann verstand ich, was passiert ist. Die Verliebtheitsphase ist vorbei. Die Verliebtheit ist einfach so passiert, weil wir irgendwie zueinander gefunden haben. Die Liebe dagegen, die ich gerade spürte, war eine Entscheidung von mir. Ich habe mich für die Liebe entschieden. 

In der Verliebtheitsphase lernt man einen Menschen kennen und dieser entspricht einem Ideal – es gibt so gut wie keine Fehler und man passt perfekt zueinander. Danach kommt eine Phase, in der man den Menschen, wie er ist, vor sich hat und das erste Mal wirklich sieht – ohne rosarote Brille. Ich erinnerte mich, dass wir scherzhaft gesagt haben, dass wir diese niemals absetzten wollten und das, was wir gerade erlebten, für immer so weitergehen kann. Durch diese Erkenntnis konnte ich sie noch viel mehr lieben, da ich mich für sie entscheiden konnte und wollte. 

Entscheidungen in der Beziehung

Allerdings kamen zu den aufregenden, tollen und freudigen Momenten jetzt auch Momente, die Streit, Trauer und Verletzung mit sich brachten. In diesem Fall hatten wir beide Glück, da wir beide schon reflektiert an unseren Beziehungen gearbeitet haben. Wir beide fingen an, durch Kommunikation und Ehrlichkeit an unserer gemeinsamen Beziehung zu arbeiten. Wir beide wussten, dass eine gesunde Beziehung nicht einfach passiert – sie wird von uns beiden gleichermaßen definiert und geschaffen. Herausforderungen gibt es in jeder Beziehung – genau aus diesem Grund muss man die Beziehung und die Liebe wollen und sich Tag für Tag dafür entscheiden. 

Durch unsere Gespräche miteinander lernen wir sehr viel über die Wunden und Verletzungen aus alten Beziehungen – die gehören dazu und die hat zwangsläufig jeder Mensch durch Erziehung, Begegnungen und das Leben generell bekommen. Diese Wunden und Verletzungen von vergangenen Beziehungen verschwinden nicht einfach, wenn eine neue begonnen wird. Jeder Partner bringt diese mit. Manchmal durch Unwissenheit, Unvorsichtigkeit oder Zufall wurden diese Wunden wieder aufgerissen. Aber durch Kommunikation und Verständnis ist es möglich, diese Wunden und Verletzungen zu heilen – und zwar zusammen. 

Learnings aus der Beziehung

Und was ich euch mitgeben möchte: es wird nicht immer nur großartig, aufregend und spannend sein – es wird Zeiten geben, die herausfordernd sind und die sehr viel Verständnis, Zuneigung und Zuwendung benötigen – ohne, dass ihr etwas zurückbekommt. Aber zusammen könnt ihr die alten Muster aufbrechen, die ihr noch aus alten Beziehungen habt und zusammen neue und funktionierende schaffen. Wichtig ist, dass ihr im Gespräch bleibt. Hört einander zu, seid geduldig und liebevoll. Denk daran, woher ihr mal gekommen seid. Habt immer diese Person im Hinterkopf, in die ihr euch eigentlich mal verliebt habt. Schafft Platz zusammen zu wachsen, euch zu entwickeln und einen Raum, in dem ihr über alles sprechen könnt. Teilt eure Sorgen eurem Partner mit und zeigt ihm, was euch beschäftigt, was euch interessiert, was euch Angst macht und bei was ihr Hilfe braucht. Schafft euch jeden Tag kleine Möglichkeiten eurem Partner zu zeigen, dass ihr ihn oder sie liebt. Lernt die Sprachen der Liebe von euch und eurem Partner kennen.